Panorama-Luftbild Hafen mit Containern, Windkraftanlagen

Zukunft der deutschen Wirtschaft

Standort Deutschland kämpft um seine Zukunft

Die Konjunkturschwäche will einfach nicht nachlassen am Wirtschaftsstandort Deutschland. So sank das Bruttoinlandsprodukt (BIP) von April bis Juni im Vergleich zum Vorquartal um 0,1 Prozent. Ende August kletterte die Arbeitslosenzahl erstmals seit einem Jahrzehnt wieder über die Drei-Millionen-Marke. Bereits zuvor hatte Creditreform gemeldet, dass im ersten Halbjahr rund 11.900 Unternehmen Insolvenz angemeldet hätten – eine so hohe Zahl hat es seit zehn Jahren nicht mehr gegeben.

Michael Gneuss
· 2025
Erschienen in

Standort Deutschland

am 22. September 2025 in „Handelsblatt“
Zugegeben: Die Schlagzeilen klingen oft wenig ermutigend. Marode Brücken, lahmes Netz, hohe Energiepreise – und dazu noch eine Bürokratie, die immer mehr blockiert. Auch die zunehmende Steuer- und Abgabenlast lähmt die Wirtschaft, während die demografische Entwicklung mehr...

Zum Jahresanfang zeigten sich am Standort Deutschland noch erste zarte Hoffnungsschimmer: So war die Wirtschaft in den ersten drei Monaten dieses Jahres noch leicht um 0,4 Prozent gegenüber dem Zeitraum Oktober bis Dezember 2024 gewachsen. Nun sieht es so aus, als ob der zaghaften Erholung bereits die Puste ausgegangen ist.

Keine Frage, die Unsicherheit bleibt hoch. Dabei sind die zentralen Probleme schnell benannt: zu viel Bürokratie, Kostensteigerungen – insbesondere bei Energie- und Lohnkosten –, Fachkräftemangel, eine in die Jahre gekommene Infrastruktur und eine allgemein schwache Auftragslage. Darüber hinaus hat Deutschland erheblichen Nachholbedarf bei der Digitalisierung und dem Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI). Das betrifft die öffentliche Verwaltung ebenso wie die Unternehmen. Last but not least belasten geopolitische Konflikte wie in der Ukraine oder dem Nahen und Mittleren Osten die Stimmung, und natürlich stellt auch die US-Zollpolitik ein großes Risiko dar.

 

Digitalisierung und KI sind entscheidende Standortfaktoren.

Zukunft der deutschen Wirtschaft: Viele Probleme hausgemacht

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass viele der heutigen Probleme hausgemacht sind. Die vielleicht größten Versäumnisse der vergangenen Jahre und Jahrzehnte liegen in der Energiepolitik und der Digitalisierung. Beim Ausbau der erneuerbaren Energien und der notwendigen Stromnetzinfrastruktur wurde viel Zeit vergeudet. Die Abhängigkeit von Importen fossiler Energien erwies sich als gravierender Schwachpunkt. Offen zutage trat dies mit dem Beginn des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine und dessen Folgen für die Gasimporte aus Russland nach Deutschland.

Im Bereich der Digitalisierung, speziell bei der digitalen Verwaltung, hinkt Deutschland im europäischen Vergleich immer noch hinterher. Während in anderen Ländern Behördengänge mit wenigen Klicks erledigt werden können, scheitern hierzulande viele Prozesse an komplizierten Formularen oder bestehenden Kommunikationsbarrieren zwischen Behörden. Dies kostet Unternehmen wertvolle Zeit und Ressourcen. Dabei sind Digitalisierung und inzwischen auch KI entscheidende Standortfaktoren. So kann KI dabei helfen, etwa Prozesse in der Produktion zu optimieren, Medikamente zu entwickeln oder Energienetze intelligent zu steuern. 

Damit dies gelingt, braucht es jedoch mehr Investitionen in Forschung, Rechenkapazitäten und digitale Bildung. Förderungen für solche Zukunftsprojekte sind in Deutschland zwar vorhanden, aber die Zugänge dahin oft kompliziert. Ein Dickicht aus Förderprogrammen von Bund, Ländern und EU überfordert viele, vor allem innovative Start-ups. Eine Vereinfachung und Beschleunigung der Abwicklung wären ein großer Gewinn.

Schild an Ladengeschäft mit
iStock / Getty Images Plus / Heiko119

Fachkräfte aus dem Ausland überlebenswichtig

Klar ist, dass ohne die richtigen Köpfe vieles im Argen bleiben wird. Das Fachkräftepotenzial aus dem Ausland ist daher überlebenswichtig. Deutschland muss für internationale Talente attraktiver werden. Dazu gehören schnellere und unbürokratischere Anerkennungsverfahren für Berufsabschlüsse, mehr englischsprachige Services in Behörden und eine willkommen heißende Gesellschaft. Der Fachkräftemangel ist eine der größten Bedrohungen für den Wohlstand von morgen. Ist also alles dünn am Standort D? Keineswegs, denn es gibt auch Hoffnungsschimmer und große Chancen. Deutschland hat das Potenzial, zu einem der führenden Energie- und Wasserstoffstandorte Europas zu werden. Der ambitionierte Ausbau von Wind- und Solarenergie schreitet voran. Vor allem im Bereich des grünen Wasserstoffs, der mit Ökostrom hergestellt wird, können deutsche Unternehmen als Technologieführer weltweit Maßstäbe setzen. Wasserstoff wird als Schlüsselelement für eine klimaneutrale Industrie gesehen. Hier kann Deutschland eine Vorreiterrolle einnehmen.

Herausforderungen sind erkannt

Positiv ist auch, dass die Politik die Herausforderungen erkannt hat und versucht, mit gezielten Maßnahmen darauf zu reagieren. In puncto Infrastrukturerneuerung etwa hat die neue Bundesregierung das 500 Milliarden Euro schwere „Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität“ auf den Weg gebracht. Weitere Beispiele für den „Erkenntnisprozess“ sind das Wachstumschancen-Gesetz und das Zukunftsfinanzierungs-Gesetz. Das Wachstumschancen-Gesetz sieht unter anderem die Wiedereinführung der degressiven Abschreibung für bewegliche Wirtschaftsgüter vor, um Investitionen zu stimulieren. Das Zukunftsfinanzierungs-Gesetz wiederum soll den Finanzstandort stärken und Start-ups den Zugang zu privatem Kapital erleichtern. Eine wichtige Maßnahme ist auch die schrittweise Absenkung der Körperschaftsteuer ab 2028. Trotz aller Maßnahmen und Programme muss klar sein, dass Deutschland letztlich einen grundlegenden Mentalitätswandel braucht. Die aktuellen politischen Reformen sind wichtige erste Schritte, aber sie müssen von einer konsequenten Umsetzung begleitet werden. Die Chancen, die der Standort bietet – von der Stärke des Mittelstands bis zu den neuen Förderprogrammen – sind real. Doch die Risiken wie eine weiterhin fragile Konjunktur und die geopolitischen Unsicherheiten sind es ebenso. Die entscheidende Frage ist, ob Deutschland es schafft, seine strukturellen Schwächen zu beheben und sein enormes Potenzial tatsächlich zu entfesseln.

Schon gewusst?

In der Rezession

Für das vergangene Jahr ermittelten die Experten des Statistischen Bundesamtes für die deutsche Wirtschaft ein Bruttoinlandsprodukt von rund 4,3 Billionen Euro. Damit war das BIP das zweite Mal in Folge geschrumpft – und zwar um 0,5 Prozent; nach minus 0,9 Prozent im Jahr 2023. Für das aktuelle Jahr erwarten die Statistiker führender Institute eine Stagnation, bestenfalls ein minimales Wachstum von etwa 0,1 bis 0,2 Prozent. Erst für 2026 prognostizieren Experten wieder etwas stärkere Zuwächse, nachdem die Wirtschaft insgesamt mehrere schwierige Jahre mit nur schwachem oder negativem Wachstum durchlaufen hat.