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Nun gilt es, die Mittel aus dem Sondervermögen sinnvoll und effizient einzusetzen. Münzstapel wird auf einer Waage balanciert

Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität

Die 500-Milliarden-Frage

Das Infrastrukturpaket der Bundesregierung soll Deutschland modernisieren. Doch ob das viele Geld für Straßen, Schienen, Netze und Wohnungsbau reichen und klug eingesetzt wird, ist noch nicht ausgemacht. Klar ist: Ohne bessere Planung und klare Prioritäten wird sich der Investitionsstau nicht auflösen.

Michael Gneuss
· 2025
Erschienen in

Deutschlands Infrastruktur

am 1. Juli 2025 in „Frankfurter Allgemeine Zeitung“
Nach Jahren, in denen die Haushaltsdisziplin an erster Stelle stand und der Infrastruktur des Landes dringende Investitionen vorenthalten wurden, ist mit dem 500 Milliarden schweren Sondervermögen ein Gesinnungswandel eingekehrt. Die Wirtschaft sehnt sich seit Langem nach solchen Impulsen. Die...

Viel Geld weckt viele Ansprüche. Die Deutsche Bahn hat vorgerechnet, dass sie bis 2034 rund 290 Milliarden Euro für die Erneuerung ihrer Infrastruktur benötigt.1 Das Bundesverkehrsministerium kalkuliert mit 140 Milliarden Euro allein für den Erhalt der Bundesstraßen.1 Zusammengenommen wäre damit schon ein Großteil des 500-Milliarden-Infrastrukturpakets verplant – und das nur für Schiene und Straße.

Münzstapel vor Aktienkursen
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Großer Handlungsbedarf

Angesichts der Berechnungen, die aktuell kursieren, schmilzt die zunächst so üppig anmutende Summe von einer halben Billion Euro ein ordentliches Stück dahin. Eine aktuelle Analyse der Beratungsgesellschaft „Strategy&“ beziffert die Infrastrukturlücke von 2025 bis 2035 auf 982,1 Milliarden Euro.2 Der gesamte Investitionsbedarf wird auf über 1,9 Billionen Euro geschätzt, während bislang nur 942 Milliarden Euro finanziert sind. Besonders groß ist der Rückstand bei den Kommunen: Ihnen fehlen 540 Milliarden Euro, mehr als die Hälfte der Lücke. Der Bund steht mit 344 Milliarden Euro im Minus, die Länder mit knapp 100 Milliarden Euro. Die Studienautoren untersuchten Schiene, Straße, Wasserwege, digitale Infrastruktur, Energienetze, Gebäude- und Wohnungsbau sowie die militärische Infrastruktur. Ihr Fazit: Ohne dauerhaft höhere Investitionen bleibt der Rückstand bestehen.

Baugerüst an einem Haus

Neubau vorantreiben

Der Wohnungsbau ist ein besonders drängendes Feld für mehr Investitionen. Laut der Studie „Bauplan D 2030“ fehlen bundesweit mehr als 550.000 Wohnungen.3 9,6 Millionen Menschen leben in überbelegten Wohnungen – 1,1 Millionen mehr als vor fünf Jahren. In Großstädten teilt inzwischen jeder Sechste sein Zuhause mit zu vielen Menschen. Allerdings steckt die Bauindustrie in einer Innovationskrise, und ohne leistungsfähige Bauunternehmen kann ein schneller und effizienter Neubau nicht funktionieren. Laut PwC verliert der Sektor den digitalen Anschluss.4 So geht die Schere zwischen den theoretischen Möglichkeiten der Digitalisierung und den eigenen Fähigkeiten seit Jahren weiter auf. Deutlich zeigt sich hierbei das Auseinanderdriften von Potenzialen und Fähigkeiten bei IoT-Lösungen auf der Baustelle: 62 Prozent der befragten Unternehmen attestieren dieser Technologie große Chancen, jedoch nur zehn Prozent bringen starke Fähigkeiten in diesem Bereich mit. Auch bei Technologien zur Visualisierung und Simulation sowie bei KI-basierten Technologien klafft eine große Lücke zwischen Potenzial und Fähigkeiten. Ohne Modernisierung aber wird der Bau das Versprechen des Infrastrukturpakets kaum erfüllen können.

Grafik: Wie gut oder schlecht schätzen Sie in Deutschland die Qualität der Infrastruktur ein?

Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität: Fehler vermeiden

Aber selbst das größte Sondervermögen hilft nur, wenn das Geld effizient verwendet wird. Hier mahnt die Vergangenheit: Ob BER, Elbphilharmonie oder Stuttgart 21 – Deutschland hat genug Beispiele für Großprojekte, die aus dem Ruder liefen. Planungsfehler, überlange Genehmigungsverfahren und Kostenexplosionen prägten das Bild. Ohne vereinfachte Verfahren, klare Zuständigkeiten und verbindliche Fristen droht auch das neue Milliardenpaket ins Stocken zu geraten. Hilfreich könnte die Zusammenarbeit zwischen öffentlichem und privatem Sektor sein – in Form von gut organisierten Public-Private-Partnerships. Umstritten ist auch, dass die Länder weitgehend freie Hand bei der Verwendung ihrer 100 Milliarden Euro aus dem Paket erhalten sollen. Einem Gesetzentwurf zufolge dürfen die Länder die Mittel aus dem Bundespaket zwar nicht in laufende Projekte umleiten. Doch neue Investitionen könnten sie künftig gezielt mit den Milliarden aus Berlin finanzieren. Generell ist das Risiko groß, dass die Gelder in Prestigeprojekte oder den Konsum fließen statt in dringend nötige Infrastruktur. Möglich macht das auch die lange Laufzeit: Erst bis Ende 2029 muss ein Drittel der Gelder verbindlich in konkrete Maßnahmen gebunden sein, so der Gesetzesentwurf. Nordrhein-Westfalen darf übrigens über 21 Milliarden Euro verfügen, Bremen über 930 Millionen – mehr als doppelt so viel, wie der Stadtstaat sonst jährlich investiert. Eine der Fragen, die im Raum stehen: Wird das Sondervermögen zur Modernisierung oder zum Entlasten der Haushalte genutzt?

Fakten zum Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität
290 Milliarden Euro
So hoch ist der Investitionsbedarf der Deutschen Bahn für die Erneuerung ihrer Infrastruktur bis 2034.
140 Milliarden Euro
Das ist der Mittelbedarf des Bundesverkehrsministeriums allein für den Erhalt der Bundesstraßen.
982,1 Milliarden Euro
berechnete eine Beratungsgesellschaft die Infrastrukturlücke von 2025 bis 2035.
550.000 Wohnungen
oder mehr fehlen bundesweit.
9,6 Millionen Menschen
leben in überbelegten Wohnungen (vor allem in Großstädten).
10 Gigawatt
Elektrolyseleistung bis 2030 soll durch Wasserstoffenergie erzeugt werden.
1,6 Gigawatt
Elektrolyseleistung ist erst gesichert.
SCHON GEWUSST?

Zukunft sichern: Mit dem eigenen Vermächtnis Gutes tun

Staatliche Milliarden modernisieren Straßen, Schulen und Netze. Doch auch private Verantwortung zählt – zum Beispiel durch eine Nachlassspende. Jedes Testament kann Zukunft stiften: für Kinder, die Schutz, Bildung und Perspektiven brauchen. So wird aus individuellem Vermögen ein gesellschaftlicher Beitrag – sinnvoll, nachhaltig, menschlich.

Chancen durch Digitalisierung

Auch die Energie- und Gesundheitsinfrastruktur warten auf Impulse. Der Aufbau der Wasserstoffwirtschaft hinkt: Von zehn Gigawatt Elektrolyseleistung bis 2030 sind laut der dritten Ausgabe des Fortschrittsmonitors Energiewende erst 1,6 gesichert.5 Ohne schnellere Genehmigungen und klarere Rahmenbedingungen droht die Dekarbonisierung zu scheitern. Zudem fehlt es in der Gesundheitsversorgung an moderner Ausstattung und digitaler Vernetzung. Der Ausbau von Kliniken und Notfallstrukturen ist vielerorts überfällig. Nicht zuletzt gilt es, die digitale Verwaltung zukunftsfähig zu machen. Laut ifo-Institut entgehen Deutschland durch überbordende Bürokratie bis zu 146 Milliarden Euro pro Jahr.6 Allein der Anschluss an das Niveau Dänemarks bei der Digitalisierung würde die Wirtschaftsleistung um 96 Milliarden Euro jährlich erhöhen.

Das Ziel ist klar: Deutschland muss die Milliarden jetzt in echten Fortschritt verwandeln. Doch das gelingt nur mit Tempo, Transparenz und Mut zur Reform. Das Infrastrukturpaket ist eine historische Chance und ein Stresstest für den Modernisierungswillen des Landes. Es wird sich zeigen, ob Deutschland beim Bauen und Sanieren wirklich gelernt hat.

Quellen: