menschlische Hand, die vor geöffnetem Laptop sitzt hält Holograph von erneuerbarer Energie in der Hand

Klimaneutrale Zukunft

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Die Ziele sind ambitioniert: Bis 2045 soll Deutschland treibhausgasneutral sein. Aber zu welchem Preis? Schon heute ächzen Verbraucherinnen und Verbraucher sowie Unternehmen unter hohen Energiekosten. Dennoch steht die Mehrheit der Deutschen hinter der Energiewende. Aktuell wird an der einen oder anderen Stelle aber auch in den Rückwärtsgang geschaltet. Auch die Nationale Wasserstoffstrategie – einst Hoffnungsträger für Innovationen, Wachstumsimpulse und Zukunftsfähigkeit – kommt nicht wie einst gewünscht voran. 

Erschienen in

Standort Deutschland

am 22. September 2025 in „Handelsblatt“
Zugegeben: Die Schlagzeilen klingen oft wenig ermutigend. Marode Brücken, lahmes Netz, hohe Energiepreise – und dazu noch eine Bürokratie, die immer mehr blockiert. Auch die zunehmende Steuer- und Abgabenlast lähmt die Wirtschaft, während die demografische Entwicklung mehr...

Die Energiewende gilt als Jahrhundertaufgabe. Doch der Weg zur klimaneutralen Zukunft ist noch weit – und er wird teuer. Das belegt eine aktuelle Studie der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), die den ökonomischen Kern des Problems schonungslos aufzeigt: Die Energiewende könnte zwar Einsparpotenziale von über einer Billion Euro eröffnen, demgegenüber stehen jedoch Kosten in Höhe von 4,8 bis 5,4 Billionen Euro für den Zeitraum 2025 bis 2049. Beim derzeitigen Kurs drohen Überforderung, Standortschwäche und zunehmende Zweifel an der industriellen Zukunft des Landes. DIHK-Präsident Peter Adrian warnte, die Energiewende sei „mit der aktuellen Politik nicht zu stemmen“. Energiekosten in Deutschland gehören zu den höchsten in Europa – ein Befund, den Unternehmen schon lange beklagen. Im DIHK-Energiewende-Barometer gaben 59 Prozent der größeren Industrieunternehmen an, ihre Produktion im Inland einzuschränken oder Verlagerungen ins Ausland zu prüfen. Vor zehn Jahren waren es nur rund 22 Prozent. Energieintensive Branchen wie Chemie, Metall oder Glas ziehen daraus längst drastische Konsequenzen. Für sie gilt: Wenn Strom und Gas zu Hause kaum noch bezahlbar sind, werden Fabriken anderswo gebaut. Dabei zeigt sich ein Dilemma: Investitionen in klimafreundliche Technologien sind oftmals mit Unsicherheit behaftet, ohne dass sie kurzfristig Wettbewerbsvorteile sicherten. Hohe Vorlaufkosten, unklare Förderbedingungen und schwierige Genehmigungsverfahren lassen viele Entscheider zögern. Im Hintergrund wächst die Sorge, dass die Transformation am Ende weniger auf Innovation, sondern auf Deindustrialisierung hinausläuft.

Die Bevölkerung ist voraus – Politik und Wirtschaft suchen noch den Kurs

Trotz aller wirtschaftlichen Sorgen ist die Stimmung in der Bevölkerung erstaunlich robust. Eine repräsentative Umfrage des Instituts Pollytix im Auftrag der Deutschen Umwelthilfe zeigt: 73 Prozent der Befragten unterstützen die Energiewende. Eine klare Mehrheit befürwortet Investitionen in erneuerbare Energien und lehnt den Bau neuer fossiler Kraftwerke ab. Besonders hoch ist die Zustimmung beim Ausbau von Solarenergie auf Hausdächern – 71 Prozent wünschen sich eine Fortführung der Förderung. Dieses öffentliche Bekenntnis könnte der Politik eigentlich Rückenwind geben. Doch die Realität ist widersprüchlich. Während die Wirtschaft über Kosten und Unsicherheit klagt, fordern Bürgerinnen und Bürger mit Nachdruck umweltfreundliche Lösungen. Die Frage ist daher weniger, ob die Energiewende kommt, als vielmehr, wie sie organisiert wird, ohne Unternehmen zu überlasten und den Standort zu schwächen.

 

59 Prozent der größeren Industrieunternehmen prüfen, ihre Produktion im Inland einzuschränken oder ins Ausland zu verlagern.

Der Streit um die Gaskraftwerke

Eine Antwort wollte der frühere Wirtschaftsminister Robert Habeck mit seinem Konzept wasserstofffähiger Gaskraftwerke geben. Sie sollten als Reservekraftwerke die Versorgung sichern, wenn Sonne und Wind nicht genügend Energie liefern – und perspektivisch auf grünen Wasserstoff umgestellt werden. Damit wären sie ein Bindeglied zwischen heutiger Energiesicherheit und der angestrebten Wasserstoffwirtschaft. Doch unter der neuen Wirtschaftsministerin Katherina Reiche hat sich die Richtung verschoben: Statt auf Wasserstoff-ready-setzt sie auf sogenannte CCS-ready-Kraftwerke, bei denen das CO₂ abgeschieden und gespeichert werden soll. Fachleute halten die Technologie jedoch für teuer und riskant. Hinzu kommt der Zeitfaktor: Der Bau neuer Kraftwerke dauert etwa fünf Jahre, anschließend arbeiten sie mindestens zwei Jahrzehnte. Damit droht Deutschland seine selbst gesteckten Ziele – bis 2035 eine klimaneutrale Stromversorgung zu schaffen – zu verfehlen.

Nationale Wasserstoffstrategie: Ein großer Plan, keine Fortschritte

Dass der Energieträger Wasserstoff eine Schlüsselrolle für die Zukunft einnehmen soll, gilt in Politik und Wirtschaft als Konsens. Mit der Nationalen Wasserstoffstrategie (NWS), 2020 unter Kanzlerin Merkel gestartet und später von der Ampelregierung fortgeschrieben, wollte Berlin nichts weniger als den Grundstein für eine neue Industrie legen: Wasserstoff als Brennstoff für klimaneutrale Stahlproduktion, als Treibstoff für Nutzfahrzeuge, als Speichermedium für überschüssigen Strom aus Wind und Sonne. Milliarden sollten in Elektrolyseure, Leitungen, Importabkommen und Pilotprojekte fließen. Die Hoffnung war, Deutschland zum Technologieführer zu machen. Hinzu kamen Überzeugungen, dass sich daraus für Wasserstoff-Start-ups sowie Maschinen- und Anlagenbauer lukrative Exportchancen ergeben könnten und obendrein neue Arbeitsplätze. Tatsächlich gehört Deutschland bei Elektrolyseuren und Brennstoffzellen bereits international zur Spitzengruppe. Mittlerweile sieht die Realität jedoch ernüchternd aus. Von den bis 2030 geplanten zehn Gigawatt Produktionskapazität für grünen Wasserstoff sind bislang nur 0,16 Gigawatt umgesetzt – das entspricht mageren 1,6 Prozent. Weitere 200 Megawatt sind im Bau. Milliardenprojekte wurden gestoppt oder verzögern sich aufgrund gestiegener Bau- und Finanzierungskosten oder Firmenpleiten. „Die Ziele für den Wasserstoffhochlauf 2030 werden krachend verfehlt“, warnt Dr. Felix Matthes, Interims-Vorsitzender des Nationalen Wasserstoffrats.

Speicher für grünen Wasserstoff mit industriellen H2-Gastanks in einer Anlage für nachhaltige Energie
Grüne Energie lässt sich in Form von Wasserstoff hervorragend speichern. Bild: iStock / Getty Images Plus / Fahroni

Klimaneutrale Zukunft: Gefahr für den Industriestandort

Das zentrale Risiko: Deutschland droht in einem strategischen Zukunftsfeld den Anschluss zu verlieren. Während Länder wie die USA mit dem Inflation Reduction Act großzügige Subventionen verteilen und China massiv in Elektrolyseure und Exportkapazitäten investiert, ringt Berlin um Förderkriterien, Netzinfrastruktur und Genehmigungsverfahren. Unternehmen, die weltweit produzieren, könnten sich entschließen, neue Wasserstoffwerke gleich in Nordamerika oder Asien zu errichten. Die neue Bundesregierung mit Wirtschafts- und Energieministerin Reiche hat daher angekündigt, „pragmatischer“ zu werden und neben grünem Wasserstoff auch blauen und grauen Wasserstoff einzubeziehen – also Varianten, die aus Erdgas gewonnen werden, zum Teil mit CO₂-Abscheidung. Ökologisch ist das zwar problematisch, ökonomisch aber realistischer als ein alleiniger Fokus auf grünen Wasserstoff. Kritiker befürchten jedoch, dass dieser „Pragmatismus“ den Markthochlauf klimafreundlicher Technologien verzögert und die Glaubwürdigkeit der Energiewende gefährdet. Wenn Deutschland seinen Status als führender Industriestandort behalten will, muss es nun schneller und konsequenter handeln: durch innovationsfreundliche Rahmenbedingungen, durch eine spürbare Entlastung bei den Energiekosten und durch den entschlossenen Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft. Noch ist es nicht zu spät. Aber der Handlungsspielraum schrumpft.

Schon gewusst?

Erneuerbare auf Rekord

Windkraft und Photovoltaik, Wasserkraft und Biogas – die erneuerbaren Energien sind inzwischen zu Deutschlands wichtigster Energiequelle geworden. 59,4 Prozent des Stroms, der im vergangenen Jahr hierzulande erzeugt und ins Netz eingespeist wurde, stammte aus regenerativen Quellen. Im Jahr 2024 sei fast in allen Monaten mehr Strom aus erneuerbaren als aus konventionellen Energieträgern wie Kohle und Erdgas ins deutsche Stromnetz geleitet worden, teilte das Statistische Bundesamt mit. Den größten Beitrag leisten Wind- und Solarenergie, daneben spielen Biomasse und Wasserkraft eine Rolle. Demgegenüber verliert vor allem die Kohle an Bedeutung. Ihr Anteil an der inländischen Stromproduktion sank im Jahr 2024 auf einen Tiefststand von 22,5 Prozent. 2023 waren es noch 25,9 Prozent gewesen. Schwankungen in der Stromproduktion der erneuerbaren Energien gibt es je nach Witterung, doch der allgemeine Trend zeigt klar nach oben. Ziel der Bundesregierung ist es, den Anteil bis 2030 auf 80 Prozent zu erhöhen.