Geschäftsmann hält eine leuchtende Glühbirne in der Hand
Erfindergeist und Innovationskraft gehören zur DNA der deutschen Wirtschaft. iStock / ipopba

Innovationskraft

Erfindergeist neu entdecken

Deutschland gilt als Land der Erfinder – doch in letzter Zeit behindern Wirtschaftsflaute, Fachkräftemangel, politische Unwägbarkeiten und Bürokratie den Entdeckergeist von Forschenden und Unternehmern. Nun gilt es, zügig zurück in die Innovationsspur zu finden – und neue Ideen auch in marktfähige Produkte und Technologien zu verwandeln. Denn nur so sichern die Innovationen von heute die Wirtschaftskraft von morgen.

Es ist ein Paradox: Deutsche Forscher und Unternehmer erfinden die Zukunft, das Geschäft aber machen andere. Beispiel Chatbots: Während Forscher der Uni Kaiserslautern bereits 2008 Chatbot-Prototypen entwickelten, streichen heute US-Konzerne die Gewinne ein. Und das ist kein Einzelfall. Vielmehr wiederholt sich dieses Muster immer wieder – ob bei Kleinbildkameras, mRNA-Technologie oder Softwareanwendungen: Deutsche Wissenschaftler liefern oft die Grundlagen, während US-Unternehmen mit mehr Risikokapital, besserem Zugang zu Märkten und aggressiverem Marketing die großen Gewinne einfahren. [1]

Klar ist: Erfindergeist und Innovationskraft gehören zur DNA der deutschen Wirtschaft. Allerdings hat die Innovationskraft zuletzt aus vielfältigen Gründen nachgelassen, und dies besorgt Unternehmer wie Wirtschaftsforscher gleichermaßen. „Unsere Wettbewerbsfähigkeit hängt im Kern von unserer Innovationsfähigkeit ab“, sagt Siegfried Russwurm, bis 2025 Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). „Die Unternehmen investieren in Innovation, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.“ Dazu gehören für Russwurm niedrigere Energiepreise, effiziente Verwaltungsverfahren und wettbewerbsfähige Unternehmenssteuern. Ebenso wichtig sind für ihn mutige Schwerpunktsetzungen bei der staatlichen Finanzierung von Forschung und Entwicklung, bessere Start-up-Bedingungen und eine kluge Annäherung von ziviler und militärischer Forschung. Doch bei all dem hapert es hierzulande gegenwärtig.

Erschienen in

Innovationsland Deutschland

am 21. Mai 2025 in „Frankfurter Allgemeine Zeitung“
Lange Zeit war Deutschland weltweit für seine Innovationskraft bekannt – in der Automobilindustrie und im Maschinenbau galt „Made in Germany“ als Prädikat. Zuletzt allerdings hat die wirtschaftliche Strahlkraft der deutschen Volkswirtschaft ganz schön gelitten....

Unsere Wettbewerbsfähigkeit hängt im Kern von unserer Innovationsfähigkeit ab.

Vize-Europameister bei Patenten

Dabei hat Deutschland nach wie vor gute Voraussetzungen, Innovationstreiber zu sein: Gemäß der QS World University Rankings hat kein Land so viele Hochschulen unter den 1.300 weltweit angesehensten Universitäten der Welt wie Deutschland. Auch die Wirtschaft ist noch immer innovativ: Erfinderinnen und Erfinder aus Deutschland haben im vergangenen Jahr mehr als 25.000 Patente in Europa angemeldet – das sind etwas mehr als im Vorjahr. Nach den Daten des Europäischen Patentamts haben nur die USA noch mehr Patente angemeldet. Selbst Japan und China lassen sich in Europa weniger Erfindungen schützen als die Deutschen. Und das, obwohl viele Mittelständler aus dem Bundesgebiet ihre Innovationen gar nicht erst anmelden, um den Wettbewerbern keine Hinweise zu geben.

Der aktuelle Innovationsindikator des BDI und der Unternehmensberatung Roland Berger dokumentiert indes einen langsamen Abstieg. Deutschland belegt in diesem Ranking nur Platz 12 von 35 Staaten und büßt damit gegenüber dem Vorjahresbericht zwei Plätze ein. Zwar sei die deutsche Wirtschaft stark in Forschung und Entwicklung, aber es gebe Schwächen bei der Umsetzung, so das Fazit der Studie.

Die Studie benennt aber auch einige deutsche Stärken. Besonders bei Technologien für die Kreislaufwirtschaft (Platz 1), innovativer Produktionstechnologie (Platz 2) sowie Energietechnologien (Platz 3) schneiden wir gut ab. Dagegen sind Platz 10 in der digitalen Vernetzung und Platz 17 bei Biotechnologie lediglich Mittelmaß. Insgesamt erreicht die Bundesrepublik in der Kategorie Schlüsseltechnologien erneut Platz 7. In Sachen nachhaltiges Wirtschaften nahm Deutschland hinter Dänemark und Finnland erneut Platz 3 ein. Nach einer deutlichen Steigerung in diesem Metier zwischen 2010 und 2020 zeigt sich aber auch hier eine Stagnation.

Eine Ingenieurin arbeitet an einem Produkt
In Deutschland herrscht Mangel an hoch qualifizierten Fachkräften. Foto: iStock/J. Wackerhausen

Stärken in der Wissensgenerierung

Unter dem Strich vermittelt der Innovationsindikator durchaus Hoffnung: insbesondere weil Deutschland im Teilprozess Wissensgenerierung die höchste Punktzahl erreicht. Hier wirken die Bemühungen der Innovationspolitik, Investitionen in Forschung und Entwicklung (FuE) zu erhöhen: 2017 wurde das Ziel von 3,0 Prozent des BIP erreicht, für 2025 gelten 3,5 Prozent als Ziel.

Der beharrlich im Raum stehende Vorwurf, Deutschland sei schlecht im Transfer von Wissen in Innovationen, findet sich aber auch in der Analyse von BDI und Roland Berger wieder. Grundsätzlich gibt es dafür mehrere Ursachen, die aber eng miteinander verknüpft sind. Ein zentrales und zunehmendes Problem ist heute der Fachkräftemangel: Viele Unternehmen und vor allem Start-ups finden nicht ausreichend qualifizierte Mitarbeiter – vorwiegend in den Bereichen Technologie und Digitalisierung. Hinzu kommt, dass die Wagniskapitalinvestitionen in Deutschland im internationalen Vergleich weiterhin relativ niedrig sind. Gründern fällt es oft schwer, risikofreudige Investoren zu finden, die bereit sind, junge Unternehmen mit innovativen, aber noch unsicheren Geschäftsmodellen zu unterstützen. Auch die staatliche Förderung von betrieblichen Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten fällt im internationalen Vergleich eher gering aus. Zwar existieren Förderprogramme, doch diese sind häufig komplex und bürokratisch, was den Zugang erschwert und die Innovationsdynamik hemmt.

Zahlen & Fakten

Innovationskraft trotz Herausforderungen: Lage aktuell

Deutschland belegt laut European Innovation Scoreboard 2024/25 weiterhin einen Rang unter den „Strong Innovators“ – allerdings mit leicht rückläufiger Gesamtleistung im Vergleich zu anderen EU-Staaten. 

Im Global Innovation Index rangiert Deutschland auf Platz 4 in der EU und Platz 9 weltweit, bei Innovationsergebnissen auf Platz 6.

Die Punktzahl beim Innovationsindex betrug 2024 etwa 58,1 Punkte – ein leichter Rückgang von 58,76 im Jahr 2023, während der weltweite Durchschnitt bei rund 31 liegt.

Darüber hinaus zeigt der Critical and Emerging Technologies Index (CET 2025): Deutschland rangiert auf Platz 7 von 26 Ländern, mit Schwerpunkt in Biotech, Präzisionsmechanik und Geradlinigkeit innovativer Technologien.

Der FuE-Anteil am BIP lag 2022 bei 3,13 % und nähert sich dem Ziel von 3,5 % bis 2025.[3]

Hoffnungen auf das Sondervermögen

Ein zentrales Element für den Innovationsschub kann das geplante 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen sein, das gezielt in Infrastruktur, Digitalisierung, Forschung und Bildung investiert werden soll. Diese Mittel müssen klug eingesetzt werden: vorrangig in den Ausbau der digitalen Infrastruktur, die Modernisierung von Forschungseinrichtungen und die Förderung von Zukunftstechnologien. Wie eine Allensbach-Umfrage für den BDI zeigt, halten 70 Prozent der Führungskräfte die Sanierung und den Ausbau der digitalen Infrastruktur für „sehr wichtig“, um die Innovationskraft der deutschen Wirtschaft langfristig zu sichern.[2]

Um das Innovationsland Deutschland wieder auf Kurs zu bringen, wird es aber nicht reichen, Geld in Forschung und Entwicklung zu investieren. Entscheidend ist, dass die Rahmenbedingungen stimmen, Innovationsprozesse entbürokratisiert werden und eine Kultur entsteht, die Risikobereitschaft, Kreativität und unternehmerischen Mut als zentrale Werte begreift. Nur dann kann Deutschland seine Innovationskraft nicht nur erhalten, sondern auch in wirtschaftlichen Erfolg und gesellschaftlichen Fortschritt ummünzen.

SCHON GEWUSST?

Digitaler Wandel, Energiewende, KI – Innovationen in Zukunftstechnologien brauchen Experten. Aber gerade an diesen mangelt es immer mehr, beklagen Unternehmen. So gaben in einer Umfrage des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) unter 15.000 Firmen insgesamt 84 Prozent an, derzeit vom Fachkräftemangel betroffen zu sein. Zwei von drei Betrieben bezweifeln gar, dass sie in Zukunft überhaupt ausreichend qualifizierte Arbeitskräfte gewinnen können. „Die Fachkräftesicherung hat in den Betrieben eine große Bedeutung“, so IAB-Forscher Dr. Christian Hohendanner.
Weiterbildungsangebote und Personalentwicklung, aber auch attraktive Arbeitsbedingungen halten etwa die Hälfte der Betriebe für geeignete Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel.

Fazit: Politische Rahmen setzen, Innovationskraft entfesseln

Nur mit klugen Rahmenbedingungen, ausreichendem Risikokapital und mutiger Realisierung können wir Deutschlands Innovationskraft – vom Erfindergeist zur marktfähigen Wirtschaftsmacht – systematisch stärken.

Deutschland verfügt über exzellente Grundlagen: starke Hochschullandschaft, hohes FuE‑Niveau und Hidden Champions. Herausforderungen liegen in der Umsetzung, der Kapitalverfügbarkeit und dem Know-how‑Transfer. Deshalb müssen Akteure aus Politik, Wirtschaft und Forschung jetzt gemeinsam mutige, konkrete Maßnahmen ergreifen.