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Fachkräfteeinwanderung

Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft

Deutschland leidet weiterhin unter einem Fachkräftemangel: Bis zum Jahr 2030, so die Experten-Prognosen, droht eine Lücke von bis zu fünf Millionen Fachkräften. Erwerbstätige aus dem Ausland könnten diese füllen. Aktuell schneidet Deutschland bei der Attraktivität für ausländische Fachkräfte jedoch nur mittelmäßig ab. Gründe dafür sind bürokratische Hürden, Sprachprobleme, aber auch eine fehlende Willkommenskultur.

PW
· 2025
Erschienen in

Standort Deutschland

am 22. September 2025 in „Handelsblatt“
Zugegeben: Die Schlagzeilen klingen oft wenig ermutigend. Marode Brücken, lahmes Netz, hohe Energiepreise – und dazu noch eine Bürokratie, die immer mehr blockiert. Auch die zunehmende Steuer- und Abgabenlast lähmt die Wirtschaft, während die demografische Entwicklung mehr...

In nahezu allen Branchen mangelt es schon jetzt an Arbeitskräften. Zuletzt berichteten Unternehmen zwar von einem leichten Rückgang der offenen Stellen, die Prognosen für die kommenden Jahre sind dennoch düster. Einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) zufolge könnten bereits im Jahr 2028 rund 768.000 Stellen nicht mehr mit ausreichend qualifizierten Fachkräften besetzt sein. Im vergangenen Jahr fehlten bundesweit immerhin schon 487.000 Facharbeiter. Besonders groß ist der Mangel bei Erziehern, Sozialarbeitern und Pflegern, aber auch bei Verkäufern. Bei Letzteren gehen Experten von mehr als 40.470 fehlenden Fachkräften im Jahr 2028 aus. Bei Erziehern ist mit einem Anstieg auf rund 30.800 Fehlstellen zu rechnen, in der Sozialarbeit von einem Mangel von 21.150 und in der Gesundheits- und Krankenpflege von gut 21.350 Fachkräften, die fehlen werden.

Grund für den Mangel ist der demografische Wandel und das damit einhergehende Ausscheiden der geburtenstarken Jahrgänge, der sogenannten Babyboomer, aus dem Berufsleben, die damit eine große Lücke hinterlassen. Laut einer Untersuchung des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) droht bis zum Jahr 2035 der Verlust von mehr als sieben Millionen Arbeitskräften, immerhin ein Siebtel des aktuellen Arbeitsmarkts. Gleichzeitig kommen zu wenige junge, potenzielle Arbeitskräfte nach. So blieben alleine im Jahr 2024 mehr als 70.000 Ausbildungsplätze unbesetzt, so die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK).

Negative Auswirkungen auf die Wirtschaft

Eine Entwicklung, die sich schon jetzt negativ auf die deutsche Wirtschaft auswirkt. Laut einer IW-Studie gingen hierzulande im vergangenen Jahr Produktionskapazitäten im Wert von 49 Milliarden Euro verloren. In der Studie wurde das Produktionspotenzial mithilfe des Global Economic Model von Oxford Economics berechnet. Im Jahr 2027 könnte der Verlust bei 74 Milliarden Euro liegen. Einbußen, die sich Deutschland gerade mit Blick auf die fortschreitende Digitalisierung, den Einsatz von KI und die Klimapolitik nicht erlauben kann. Um diese Einbußen gering zu halten, müsste Deutschland auf Fachkräfte aus dem Ausland zurückgreifen. Konkret wären knapp 288.000 ausländische Arbeitskräfte jährlich notwendig: Das ergeben aktuelle Untersuchungen der Bertelsmann Stiftung. Doch diese potenziellen Arbeitskräfte zieht es immer seltener in die Bundesrepublik.

 

Jedes Jahr müssten knapp 288.000 ausländische Arbeitskräfte kommen, um den demografischen Wandel zu kompensieren.

Deutschland weniger attraktiv für ausländische Fachkräfte

Im internationalen Vergleich schneidet Deutschland bei der Attraktivität für Fachkräfte eher mittelmäßig ab. In aktuellen OECD-Rankings liegt die Bundesrepublik meist im Mittelfeld oder darunter. Zwar kann Deutschland nach wie vor mit guten Verdienst- und Karrieremöglichkeiten sowie einer hohen Lebensqualität punkten. Getrübt wird dieses Bild jedoch durch eine schleppende Digitalisierung der Verwaltung, hohe bürokratische Hürden, Diskriminierungserfahrungen und eine vielerorts als wenig einladend empfundene Willkommenskultur. Das bestätigt auch eine Umfrage unter Expats aus dem Jahr 2024: Vor allem bei den Punkten Bürokratie und Wohnsituation schneidet Deutschland schlecht ab. Problematisch seien langwierige und komplizierte Verfahren bei der Visavergabe. Auch die Sprachbarriere spielt für Erwerbstätige eine entscheidende Rolle. Für viele ausländische Fachkräfte ist Deutschland deshalb kein leichtes Einstiegsland – und es zieht sie eher in unsere Nachbarländer, allen voran in die Schweiz und nach Dänemark. Diese Staaten werden auch für junge deutsche Fachkräfte immer interessanter. Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen, dass jährlich rund 210.000 Menschen mit deutscher Staatsbürgerschaft im Alter von 20 bis 40 Jahren das Land verlassen, um im europäischen Ausland zu arbeiten. Etwa drei Viertel von ihnen haben einen Hochschulabschluss. 

Fachkräfteeinwanderung: Positive Entwicklung bei Ausbildungen

Immerhin bei den Ausbildungszahlen gibt es Positives zu vermelden: Zwischen 2014 und 2024 ist die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge zwar um acht Prozent gesunken. Doch im gleichen Zeitraum hat sich die Zahl der ausländischen Auszubildenden nahezu verdoppelt – ein Plus von 93 Prozent auf rund 70.000. Ihr Anteil wuchs damit von sieben Prozent im Jahr 2014 auf etwa 15 Prozent im vergangenen Jahr. Das zeigen Auswertungen des Statistischen Bundesamts. Besonders häufig entschieden sich 2024 junge Menschen mit vietnamesischer (7.100), syrischer (6.800) und ukrainischer (5.800) Staatsangehörigkeit für eine Ausbildung in Deutschland. Die Zahl der ukrainischen Auszubildenden hat sich im Vergleich zu 2023 sogar nahezu verdreifacht.

Zuwanderung erleichtern, Potenziale nutzen

Doch viele Stellen dürften ohne weitere Fachkräftemigration in Zukunft unbesetzt bleiben. Um dem entgegenzuwirken, wurden mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz einige Maßnahmen beschlossen, die die Zuwanderung von Erwerbstätigen vereinfachen sollen. Mit Erfolg: In den ersten Monaten nach Gesetzeseinführung wurden nach vorläufigen Zahlen rund 200.000 Visa zu Erwerbszwecken erteilt. Vielen Experten geht das aber noch nicht weit genug. Um dem Fachkräftemangel auf Dauer entgegenzuwirken, soll auch das inländische Potenzial, das durch mehr Aus- und Weiterbildung und eine stärkere Erwerbsbeteiligung von Frauen und Älteren erhöht werden kann, von der Bundesregierung gefördert werden.