Tablets für Schüler, Laptops für Lehrer, WLAN für die Schulen – in Sachen Digitalisierung hat Hamburg in den vergangenen Monaten erhebliche Fortschritte gemacht. „Mittlerweile haben 347 von 367 staatlichen Schulen in allen oder in der großen Mehrzahl ihrer Schulgebäude WLAN“, erklärte Schulsenator Ties Rabe (SPD) anlässlich der Landespressekonferenz Anfang März in der Hansestadt. Zum Vergleich: Vor einem Jahr verfügten gerade einmal 66 der staatlichen Hamburger Schulen über WLAN. Zudem sollen zum Start des neuen Schuljahres alle 21.400 Lehrkräfte, Sozialpädagogen und Erzieher Dienst-Tablets oder Dienst-Laptops erhalten. Und auch für Schüler, die nicht über eigene Endgeräte verfügten, habe die Behörde 63.000 Tablets angeschafft. Darüber hinaus stünden den rund 220.000 Schülern 35.553 Desktop-Computer zu Verfügung. Mit Maßnahmen wie diesen habe Hamburg den Anspruch, „bei der Digitalisierung einen Spitzenpodestplatz unter den 16 Bundesländern einzunehmen“, erklärte Rabe.
Schule wird Chefsache
Wie bitter nötig es ist, die Digitalisierung von Deutschlands Schulen voranzutreiben, hat das vergangene Jahr eindrucksvoll gezeigt. Nahezu chaotisch waren die Schulen im vergangenen Frühjahr mit dem Beginn der Pandemie in den Lockdown gestolpert – ein systematischer digitaler Unterricht in allen Fächern und für alle Schüler war zunächst kaum möglich. Zwar hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Digitalisierung der Schulen nun zur Chefsache gemacht – im Rahmen der Schulgipfel im Herbst wurden die Anschaffung von Dienst-Laptops für Lehrer, die Einstellung von Systemadministratoren sowie der Aufbau einer bundesweiten Bildungsplattform beschlossen. Wirklich zügig werden die technologischen und personellen Probleme an den Schulen aber noch immer nicht flächendeckend angegangen.
Von den durch den Bund für den Ausbau der digitalen Infrastruktur bereitgestellten insgesamt 6,5 Milliarden Euro haben die Länder bis Ende 2020 insgesamt 1,36 Milliarden schon ausgegeben oder zumindest bewilligt. Mitte 2020 waren es nach Angaben des Bundes und der Kultusministerkonferenz (KMK) erst 258 Millionen Euro. Insbesondere wurde das Mitte 2020 aufgelegte 500 Millionen Euro schwere Programm zur Anschaffung von Tablets und Laptops für Schüler sehr gut angenommen. Hier seien bereits drei Viertel der Mittel abgeflossen. Mittel zum Ausbau von WLAN-Netzwerken oder zur Anschaffung von Smartboards fließen dagegen wesentlich langsamer. Das Problem: Immer wieder scheitern Schulen und Träger an den bürokratischen Hürden – so müssten die Schulen unter anderem einen technisch-pädagogischen „Medienentwicklungsplan“ vorlegen, der zeigt, welche Geräte sie konkret brauchen und wie sie diese pädagogisch einsetzen wollen. Zudem müssten sie ermitteln, welche Schüler bereits mit eigenen Geräten ausgestattet und welche auf Leihgeräte angewiesen seien. Die Vereinfachung der Antragstellung könnte helfen, die Digitalisierung der Schulen schneller voranzutreiben.
Digitalisierung im Bildungsbereich: Note mangelhaft
Wie dringend Deutschland Druck machen muss, zeigt vor allem der internationale Vergleich: In einer Sonderauswertung der Pisa-Studie 2018 aus dem vergangenen Herbst schnitt die Bundesrepublik durchweg unterdurchschnittlich ab. So verfügten der Auswertung zufolge nur rund ein Drittel der deutschen Schulen über moderne Online-Lernplattformen. In Ländern wie Singapur, den chinesischen Provinzen Peking, Shanghai, Jiangsu und Zhejiang oder auch in Dänemark seien es dagegen mehr als 90 Prozent, im OECD-Mittel 54 Prozent. So erreichte Deutschland hinsichtlich der Verfügbarkeit von effektiven Online-Lernplattformen von allen 78 teilnehmenden Ländern nur Platz 66.
Noch schlechter sei es der Auswertung zufolge um die digitale Lehrerbildung bestellt: Hier landete Deutschland auf Platz 76 von 78 – abgehängt von allen anderen Ländern außer Ungarn und Japan. „Weniger als 44 Prozent der Schulleiter in Deutschland halten ihre Lehrkräfte für technisch und pädagogisch kompetent, um neue Technologien sinnvoll in das Unterrichtsgeschehen zu integrieren“, sagte OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher gegenüber der Zeitung „Die Welt“. Eine denkbar schlechte Ausgangslage – auch für die digitale Zukunft der Bundesrepublik. „Die Corona-Krise hat die Krisenanfälligkeit des Schulsystems in Deutschland offenbart und bereits bestehende Chancenungerechtigkeiten erheblich verstärkt.“ Andererseits habe die Viruskrise aber auch viel an technologischer und sozialer Innovation angestoßen. „Darauf kann man aufbauen. Wirkliche Veränderungen finden ja oft in tiefen Krisen statt, und sicher birgt der Moment die Möglichkeit, über den Status quo hinauszuwachsen, wenn die Dinge sich wieder normalisieren.“