Handydisplay, aus dem ein Holograph einer Weltkugel kommt
Staaten mit hohem Digitalisierungsgrad sind klar im Vorteil. iStock / Tippapatt

Digitale Transformation in Deutschland

Die Schlüssel zum Erfolg

Die deutsche Wirtschaft ist bei der Digitalisierung ihrer Prozesse und Produkte sowie bei der Nutzung künstlicher Intelligenz im internationalen Vergleich nur gutes Mittelmaß. Fortschritte sind zwar erkennbar, aber ihr Tempo ist zu niedrig. Abhilfe schaffen lässt sich mit Investitionen in Technik, Forschung und Fachkräfte.

Erschienen in

Standort Deutschland

am 22. September 2025 in „Handelsblatt“
Zugegeben: Die Schlagzeilen klingen oft wenig ermutigend. Marode Brücken, lahmes Netz, hohe Energiepreise – und dazu noch eine Bürokratie, die immer mehr blockiert. Auch die zunehmende Steuer- und Abgabenlast lähmt die Wirtschaft, während die demografische Entwicklung mehr...

In der Wirtschaft ist Digitalisierung vor allem deshalb wichtig, weil sie für mehr Effizienz sorgt: Digital vorliegende Daten lassen sich leichter erfassen, transportieren und bearbeiten. Unternehmen, die diesen Vorteil nicht nutzen, geraten ins Hintertreffen gegenüber ihren Konkurrenten. Dies gilt auch international: Staaten, deren Wirtschaft einen geringen Digitalisierungsgrad aufweist, sind im Nachteil gegenüber Staaten, die in dieser Hinsicht fortschrittlicher sind.

Digitalisierung messbar machen

Wie es um die deutsche Wirtschaft diesbezüglich bestellt ist, darüber gibt der Digitalisierungsindex des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie Auskunft: Im Jahr 2024 betrug der deutschlandweite Indexwert 114 Punkte. Als Vergleichswert dienen dabei die 100 Punkte, die dieser Index bei seiner ersten Veröffentlichung im Jahr 2020 erreichte. 2021 stieg der Index auf etwa 108 Punkte, blieb in den Jahren 2022 und 2023 fast unverändert und legte dann 2024 wieder um knapp sechs Punkte zu.

 

Deutschland muss seine Anstrengungen steigern, um bei der Digitalisierung Schritt zu halten.

In den verschiedenen Branchen gibt es dabei starke Unterschiede: An der Spitze liegen wenig überraschend Informations- und Kommunikationsunternehmen mit 285 Punkten. Auch Unternehmen der Kategorie „Elektrotechnik, Maschinen- und Fahrzeugbau“ kommen mit 160 Punkten auf einen hohen Wert. Unterdurchschnittliche Werte dagegen erreichen das sonstige verarbeitende Gewerbe (78 Punkte) und das Baugewerbe (68 Punkte).

Auch die Unternehmensgröße macht einen erheblichen Unterschied. Kleine Unternehmen kommen deutschlandweit auf einen Indexwert von 102 Punkten, mittlere Unternehmen auf 136 Punkte und große Unternehmen auf 203 Punkte.

Internationaler Vergleich

Wer wissen möchte, wie die deutsche Wirtschaft im EU-Vergleich abschneidet, kann einen Blick in den Bitkom-DESI-Index werfen, der den Grad der Digitalisierung bewertet. Mit einem Indexwert von 50,1 Punkten liegt Deutschland leicht unter dem EU-Durchschnitt von 51,2 Punkten. Insgesamt erreicht die Bundesrepublik Platz 14 unter den 27 Mitgliedsstaaten – immerhin eine Verbesserung von zwei Plätzen gegenüber dem Vorjahr. Auf den ersten fünf Plätzen sind Finnland, Dänemark, die Niederlande, Malta und Schweden zu finden. Im Teilbereich digitale Wirtschaft kommt Deutschland auf Platz 8, in der Netzqualität auf Rang 9. Weniger rühmlich sieht es aus bei den digitalen Kompetenzen der Bevölkerung (Platz 15) und der Digitalisierung der Verwaltung (Platz 21). „Das neue EU-Ranking zeigt, dass Deutschland seine Anstrengungen steigern muss, um bei der Digitalisierung mit den anderen Nationen nicht nur Schritt zu halten, sondern nach vorne zu kommen“, kommentiert Dr. Ralf Wintergerst, Präsident des Digitalbranchenverbands Bitkom, die Ergebnisse.

Zukunftstreiber KI

Doch die Digitalisierung steigert nicht nur Effizienz und Wachstumschancen, sie macht die Wirtschaft auf fit für das Zeitalter der künstlichen Intelligenz, des Zukunftstreibers der Zeit. Bis dato setzen allerdings nur rund 20 Prozent der deutschen Unternehmen KI ein, hat eine Bitkom-Studie aus dem vergangenen Oktober ergeben. In weiteren 35 Prozent wird ein solcher Einsatz bereits geplant oder zumindest diskutiert. Das sind deutliche Steigerungen: Im Jahr 2020 verwendeten lediglich sechs Prozent der Unternehmen KI-Anwendungen, 22 Prozent dachten über ihren Einsatz nach.
Diese Entwicklung wird sich wohl fortsetzen. Denn 78 Prozent der deutschen Unternehmen betrachten KI als Chance, nur 12 Prozent als Risiko. Folgerichtig haben 37 Prozent der Unternehmen bereits in KI investiert, und stolze 74 Prozent beabsichtigen, dies in Zukunft zu tun.

 

100 Milliarden Euro sind nötig, um Deutschland digital souverän zu machen.

Das Statistische Amt der Europäischen Union kommt zu einem sehr ähnlichen Ergebnis bezüglich des Prozentsatzes deutscher Unternehmen, die bereits künstliche Intelligenz nutzen – und stellt dieses zusätzlich in den internationalen Zusammenhang: Deutschland liegt mit 19,8 Prozent deutlich über dem EU-Durchschnitt von 13,5 Prozent. An der Spitze stehen Dänemark (27,6 Prozent), Schweden (25,1 Prozent) und Belgien (24,7 Prozent).

Digitale Transformation in Deutschland: Lösungsansätze

Was benötigt die deutsche Wirtschaft, um das Potenzial von Digitalisierung und KI zu nutzen und damit neue, zukunftsfähige Geschäftsfelder zu erschließen? Diverse Studien, unter anderem der Deutschen Industrie- und Handelskammer und des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie, kommen zu ähnlichen Ergebnissen: Erforderlich sind erstens eine Stärkung der Infrastruktur, vor allem bei den Datennetzen und der Rechenleistung. Zweitens eine gezielte Förderung von KI-Innovationen und deren Anwendung in Unternehmen. Drittens Investitionen in die Qualifikationen der Mitarbeitenden. Und viertens regulatorische Rahmenbedingungen, die Innovation ermöglichen, aber nicht leichtfertig mit dem Datenschutz umgehen. Werden diese Bedingungen erfüllt, dann ist Deutschland laut einer Untersuchung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung „insgesamt gut aufgestellt, um im globalen Wettbewerb im Bereich der KI Schritt zu halten“.

Ein Ziel, das auch der Bundesregierung gefällt. Daher hat sie in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart, sowohl die Digitalisierung allgemein als auch die Infrastruktur und künstliche Intelligenz im Besonderen zu fördern. Bezahlt werden soll dies unter anderem aus dem 500 Milliarden Euro umfassenden Infrastruktur-Sondervermögen: Für die Digitalisierung will die Regierung jährlich zunächst mindestens vier Milliarden Euro aus diesem Sondervermögen investieren. In den folgenden Jahren soll die Investitionssumme noch „deutlich“ steigen. Das ist wohl auch nötig. Der Bitkom schätzt, dass insgesamt 100 Milliarden Euro nötig sind, um „Deutschland zu einem digital souveränen Land zu machen“.