Ein Kran hebt ein Modellhaus über Geldmünzen an.
Mit den Infrastrukturmilliarden wird die Bauwirtschaft zum Treiber eines neuen Wirtschaftsaufschwungs. iStock/watchara ritjan

Bauwirtschaft aktuell

Baustelle Deutschland

Sanierungsstau abbauen, moderne Verkehrswege schaffen und klimafreundlich bauen: Das Infrastrukturpaket der Bundesregierung bietet der Bauwirtschaft enorme Chancen. Zu den entscheidenden Faktoren für den Erfolg zählen die zügige Freigabe der Mittel, eine Priorisierung der Projekte und die Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren.

JB
· 2025
Erschienen in

Deutschlands Infrastruktur

am 1. Juli 2025 in „Frankfurter Allgemeine Zeitung“
Nach Jahren, in denen die Haushaltsdisziplin an erster Stelle stand und der Infrastruktur des Landes dringende Investitionen vorenthalten wurden, ist mit dem 500 Milliarden schweren Sondervermögen ein Gesinnungswandel eingekehrt. Die Wirtschaft sehnt sich seit Langem nach solchen Impulsen. Die...

Die deutsche Wirtschaft kommt nur sehr langsam auf Touren. Trotz Aussicht auf das milliardenschwere Programm für die Infrastruktur hebt etwa die Bauindustrie ihre Prognose aus dem Januar nur minimal an. So erwartet der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie (HDB) in diesem Jahr für das Bauhauptgewerbe weiterhin einen Umsatzrückgang von minus ein Prozent. Grund hierfür ist etwa die vorläufige Haushaltsführung des Bundes, wodurch gerade im Bundesfernstraßenbereich seit neun Monaten keine neuen Projekte an den Markt kommen. Auch im Wohnungsbau kommt es erst sehr langsam zu einer Wiederbelebung. Diese Prognose decke sich mit den Ergebnissen einer brancheninternen Konjunkturumfrage des HDB: 31 Prozent der teilnehmenden Unternehmen erwarten, dass der eigene Umsatz 2025 im Vergleich zu 2024 zurückgehen wird. Dennoch gehen 60 Prozent trotz der schwachen Umsatz- und Ertragserwartungen davon aus, dass die Zahl der Beschäftigten im Unternehmen gleichbleiben werde.

 

Die Bauwirtschaft ist ein zentraler Wirtschafts- und Innovationsmotor.

Wirtschaft wird angekurbelt

Klar muss sein: Die Bauwirtschaft ist nicht nur Erfüllungsgehilfe, sondern ein zentraler Wirtschafts- und Innovationsmotor. Jeder Euro, der in den Bau investiert wird, zieht nach Angaben der Experten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) einen starken wirtschaftlichen Folgeeffekt nach sich, etwa im Handwerk, in der Industrie oder im Dienstleistungssektor. Insgesamt hätte eine Erhöhung der öffentlichen Investitionen um 500 Milliarden Euro laut Berechnungen des DIW zur Folge, dass die Wirtschaftsleistung in den kommenden zehn Jahren um durchschnittlich mehr als zwei Prozent pro Jahr höher läge als ohne die Erhöhung. Nach einer Anlaufphase wären die größten Anstiege der Wirtschaftsleistung für die Jahre 2028 und 2029 zu erwarten. Dazu kommt: Investitionen in den Bau sind Investitionen in die Klimastabilität, Standortattraktivität und soziale Balance.

Architekten und Stadtplaner auf einer Baustelle

Verlässlichen Rahmen schaffen

Doch ein solcher Kraftakt braucht nicht nur frisches Kapital, sondern vor allem auch eine funktionierende Bauwirtschaft. Damit das Geld auch wirklich in der Infrastruktur des Landes ankommt, muss es vor allem planbar und schnell verfügbar sein. Dafür braucht die Branche aber verlässliche Investitionszusagen, beschleunigte Planungs- und Genehmigungsverfahren sowie eine klare politische Priorisierung. Mit Blick auf den Wohnungsbau würden etwa durch die Einführung des Paragrafen 246e im Baugesetzbuch und die damit ermöglichte Abweichung von Bebauungsplänen neue Wohnungsbauprojekte nicht nur einfacher, sondern auch schneller genehmigt werden.

Geldstapel vor Wohnhäusern

Insgesamt könnte ein Großteil der Mittel in den öffentlichen Hoch- und Tiefbau, in den Verkehrswegebau, die energetische Gebäudesanierung, die Trink- und Abwassernetze, den Schienenverkehr sowie in den digitalen Netzausbau fließen. Um dabei Engpässe zu vermeiden, ist es notwendig, projektübergreifende Planungskapazitäten auszubauen, Fachkräfte zu sichern und Lieferketten zu stabilisieren.

Bauplan mit zwei Mitarbeitern

Neubau forcieren

Zu den dringend benötigten Großprojekten zählen etwa neue Schulen, Kitas und Hochschulen, insbesondere in wachsenden Regionen. Auch öffentliche Wohnbauinitiativen müssen forciert werden, um die Wohnungsnot zu lindern. Der Neubau von Krankenhäusern und Reha-Zentren ist ebenso überfällig wie der Ausbau von Justizvollzugsanstalten, Polizeigebäuden und Katastrophenschutzinfrastruktur. Nicht zuletzt gehören auch große Energieprojekte auf die Prioritätenliste wie der Bau neuer Umspannwerke, Wasserstoff-Hubs oder Energieparks, beispielsweise entlang der Industrieachsen zwischen Rheinland, Ruhrgebiet und Sachsen.

Bauwirtschaft aktuell: Sanierung stärken

Mindestens ebenso wichtig wie Neubauten ist die Instandsetzung der bestehenden Infrastruktur. Rund 30 Prozent der Autobahnen gelten laut des Bundesverkehrsministeriums als sanierungsbedürftig. Kaputte Brücken wie die Talbrücke Rahmede an der A45 oder auf der stark frequentierten Stadtautobahn A100 in Berlin zeigen, wie empfindlich unser Verkehrsnetz auf Ausfälle reagiert.1 Dazu passt eine im April 2025 veröffentlichte Auswertung des Bundesrechnungshofs. Demnach liegt die bundeseigene Autobahn GmbH bei der Modernisierung der Brücken in Deutschland deutlich hinter dem Zeitplan: Von den geplanten 280 Modernisierungen sind im Jahr 2024 lediglich 69 umgesetzt worden. Auch Tunnelsanierungen wie zum Beispiel am Elbtunnel oder im Süden der A8 sind längst überfällig und könnten durch das Infrastrukturpaket neuen Schwung erhalten.

Schon gewusst?

Bauwirtschaft aktuell

Nach einem schwungvollen Jahresstart wird die deutsche Wirtschaft dank des Investitionspakets ab Ende des Jahres wohl Fahrt aufnehmen. So dürfte das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2025 um 0,3 Prozent, im Jahr 2026 um 1,7 Prozent zulegen, prognostiziert das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin und revidiert damit seine frühere Konjunkturprognose um 0,2 beziehungsweise 0,6 Prozentpunkte nach oben.2 Auftrieb verleihen ein anziehender privater Konsum, die in diesem Jahr beschlossenen umfangreichen finanzpolitischen Maßnahmen sowie starke Exporte, auch wenn die Unsicherheiten durch die US-Handelspolitik und die weiterhin bestehenden strukturellen Probleme nach wie vor dämpfen.

Stetige Pflege im Auge haben

Zu den großen Sanierungsfällen in Deutschland zählt auch das Netz unter unseren Füßen. Kommunale Wasser- und Abwassernetze, viele in den 1950er- bis 1970er-Jahren gebaut, müssen ebenfalls erneuert werden, sonst drohen Kostenexplosionen durch Folgeschäden. Gleichzeitig wird der Ausbau digitaler Netze blockiert, wenn die Tiefbaukapazitäten anderweitig überlastet sind. Fest steht also: Gelingt es, die hohen Summen in den nächsten Jahren nicht in Ankündigungen, sondern in Ausschreibungen und Ausführungen zu überführen, kann das Infrastrukturpaket zum echten Konjunkturmotor für die Bauwirtschaft, die Gesellschaft und den Standort werden. Wenn die Wirtschaft sieht, dass Deutschland im wahrsten Sinne des Wortes wieder aufgebaut wird, werden Investitionen in zahlreichen Branchen die Folge sein.

Quellen:

1 IDW Köln, 2024
2 DIW Berlin, 2025